PRESSE:

Schwäbische Zeitung v. 23.03.2005

Kulturkessel Bermatingen

Glücksgriff mit Cantadeon

BERMATINGEN (sto) - Mit dem Duo Cantadeon hat der Kulturkessel in Bermatingen wieder einmal einen Glücksgriff gemacht. Im fast vollbesetzten Kellergewölbe des Dorfgemeinschaftshauses konnte man mal Nachdenkliches mal Fröhliches hören und genießen.

Klezmermusik ist ursprünglich die Hochzeitsmusik der aschkenasischen Juden aus dem osteuropäischen Raum. Sie ist eindeutig zu erkennen und verändert sich doch ständig. In den letzten Jahren hat sie sich stark weiterentwickelt und ist zu einer eigenen Musikrichtung geworden. Aber auch Melijazz , Musette und Chansons werden von dem Duo perfekt gespielt.

Cantadeon setzt sich aus den Musiker Annette Schuster und Claudius Sperling zusammen. Annette Schuster hat einen besonderen Bezug zur Klezmermusik. Sie stammt aus einer jüdischen Familie. Ihr Vater hat dank seines Akkordeonspiels den Holocaust überlebt und seiner Familie immer wieder Lieder vorgespielt und dazu Geschichten erzählt. Das hat die Künstlerin sehr geprägt und ihr die Liebe zu der Musik vermittelt. Ihre Kreativität zeigt sich nicht nur im klassischen Gitarrenspiel; sie malt auch und ist hat zusammen mit P. Fürst die einzige, feststehende Figurentheaterbühne im Landkreis Sigmaringen, die Puppenbühne Ostrach gegründet.

Claudius Sperling hat im Alter von fünf Jahren mit der Blockflöte angefangen und das Akkordeonspielen gelernt. Er ist mit seinem Instrument durch Frankreich gereist und war auch schon in den Vereinigten Staaten. Auch Sperling gilt als Multitalent. Mit vielen Eigenkompositionen brachte er sein Album "Mehr zum Leben" heraus. Anschließend veröffentlichte er seinen Roman "Aus dem Leben eines Hundes".

1999 lernten sich beide kennen. Sie taten sich zusammen, er mit seinem Akkordeon und sie mit ihrer Gitarre. Im Kulturkessel zeigten sie virtuos ihr Können. Das Lied vom "schönen Emil", ein Song aus den 20er-Jahren, handelt von einem eitlen Mann, dessen Nase immer größer wurde. Im Refrain sangen die zwei "Du musst zum Onkel Doktor jeen, der macht se wieder scheen." Immer wieder klangen jiddische Texte oder französische Musette durch das Kellergewölbe. Das Publikum erlebte ein Wechselbad der Gefühle. Mal war die Musik heiter und dann wieder melancholisch. Auch ganz Alltägliches machte das Duo zum Thema: den Stress. Ihm begegnen sie mit einem Alltagswalzer. "Wir plagen den Alltag".

Mit Rhythmus in Stimmung

Nach der Pause brachte das Lied "Bei mir biste scheen" die Zuhörer gleich wieder in Stimmung. Es wurde mitgeklatscht und auch mitgesummt. Manche wippten mit ihren Füßen im Takt mit. Schuster klopfte mit einer Glöckchenkette um den Knöchel im Takt mit, als ob ein drittes Instrument im Spiel sei. Dem Akkordeon konnte Sperling Töne hervorlocken, dass man glaubte, ein Saxophon oder auch eine Klarinette zu hören. Ein Highlight des Abends war für einige die umgeschriebene Form des Deep Purple-Songs "Lazy", wobei die beiden auf der Bühne sich nicht einig waren, ob der Titel nun Lazy oder Crazy heißt. "Einigen wir uns auf "Lazy Crazy"" sagte Sperling diplomatisch.

Nach drei Zugaben entließ das Publikum das Duo. Anschließend verweilten beide Künstler bei einem Gläschen Wein bei den Gästen.

Das Duo Cantadeon in Aktion: Mit viel Leidenschaft und Gefühl trägt es Lieder und Geschichten vor.



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